November                                                                                 

November, deine graue Suppe
schwappt in mein Gemüt.
So langsam ist mir alles schnuppe -
ich weiß doch, was uns blüht:
Nichts mehr! Die letzten braunen Blätter lassen
sich einfach fallen in den Wind.
Die Regenjacken, falls sie uns noch passen,
verlassen ihren Spind.

Die Feigen buchen schnell noch eine Reise
und hauen in den Süden ab.
Paar Vögel folgen ihnen leise.
Die machen nach der Hälfte schlapp.
Ich hock mich in mein stilles Zimmer
und stell mir meine Heizung an,
auch wenn – es wird ja immer schlimmer –
das kaum noch wer bezahlen kann.

Die letzten Sommerträume sind verweht,
Die Gänse sprechen schnell noch ihr Gebet.
Die Ernte eines ganzen Jahres
Ist eingefahren. Und ihr wahres
Antlitz zeigt die Erde jetzt.
Die Licht-Anbeter sind entsetzt.

Wer düstre Nebel aber liebt,
wem feuchte Kälte etwas gibt,
der gibt sich dir mit Demut hin.
Du weißt, dass ich so einer bin!
November, stilles Glück
Liegt in deinem Trauerblick.


http://youtu.be/gCDiN-xB0P4

Januar                                                                             

Januar, du Kaltgericht,
bist ein Kind und weißt es nicht,
bist der erstgeborene
und im Frost verlorene
Sohn des Jahres, mit dem man
warm nicht werden kann.

Spielst mit deinen Flocken,
zwingst uns rein in dicke Socken,
schickst uns auf das glatte Eis
und das Abstellgleis
der Zeit. Dem Schlaf des Lebens zollst du nur
ein kaltes Lächeln. Die Natur
träumt in deinen Armen.
Du hältst sie fest,
und selbst die Sonne mag sich nicht erbarmen,
wenn du sie einmal scheinen lässt.

Die Vögel, die es frostig lieben
und hier geblieben sind bei dir,
verstummen, wenn die Winde stieben.
Wie klug ist doch das Tier,
das jetzt im Schoß der tiefen Erde pennt.
Tja, Pech für den, der diesen Trick nicht kennt!

Nichts rührt sich, selbst die wilden Wasser
sind zu Eis erstarrt.
Du Schuft, der uns, die jetzt viel blasser
sind, mit roten Nasen narrt.
Ist das schon Fasching, oder was?
Wie lustig, sag mal, findst du das?

Nichts ist mehr bunt!
Du kalter Hund!
Du weißer Terrorist,
dem unser Frösteln schnuppe ist.

Und doch, so sehr wir deine Kälte hassen -
wir könnten niemals von dir lassen.
Du bist so schön in deinem Glitzerkleid,
ein Wiegenlied der Ewigkeit.
Die Hoffnung auf ein neues Glück
Bringst du uns still zurück.

                                                                                        http://youtu.be/i3DACIyzwvQ


März

Wenn alle Kraft im Holz sich sammelt,

wenn Meister Lampe wieder rammelt,

wenn schon die Frühlingsblümchen sprießen

und müde Gärtner alles gießen,

was ihnen vor die Kanne kommt,


wenn es den braven Bürger frommt,

die Fenster und den Lack zu putzen

und seinen Rosenstock zu stutzen,

die Knollen in den Dreck zu stecken

und seinen Maulwurf aufzuwecken,


wenn alles in der Erde wühlt,
der Winterspeck sich schwer anfühlt,
und selbst der Geist, von Frost verhärmt,
sich langsam an der Sonne wärmt,

wenn unsre Säfte steigen
in diesem Frühlingsreigen
und sich das helle Sonnenlicht
den Weg in dunkle Schlüpfer bricht,
wenn alles Leben knospt und keimt,


der Schreiner alte Möbel leimt,

die in den langen Winterwochen

erschlafft sind und gebrochen,


wenn Vöglein ihre Stimmen heben

und singen auf das neue Leben,

auf eine Zeit voll Glanz und Pracht,

und jeder sein Revier bewacht,


wenn die Motoren der Traktoren

wieder schmerzen in den Ohren,

und Finger, die so lange froren,

lässig in der Nase bohren,


wenn alle ihren Schöpfer loben,
und selbst die Englein droben
am Himmel tirilieren
weil sie nicht mehr frieren,
dann ist März. Und vorher war,
ist ja klar, der Februar.


"


Leider war das Z verrutscht

Es war das schönste Geschenk für sie,

in seinem Brief zu lesen,

er sehe nun ein, sie brauche

in ihrer Verfassung

dringend zärtliche Hilfe.

Aus: "Unreim. Lyrische Miniaturen"


Wie zwei sich unterhielten                                        

Im ersten Park blieb er stehen. Da er wusste, dass sie wie üblich drei Meter hinter ihm herlief, wandte er sich zu ihr um. Sogleich drehte auch sie sich um und lief in die andere Rich­tung. Er verfolgte sie, bis er sie am Ärmel packen und anhal­ten konnte. Er stellte sie zur Rede. Weshalb sie einfach da­vonlaufe. Sie habe ge­dacht, er wolle nach Hause gehen. Sie solle aber nicht den­ken. Sie solle warten und zuhören. Und wenn sie schon unbe­dingt denken müsse, dann solle sie ge­fälligst nicht so einfach drauflos denken, sondern lieber mal ein bisschen mitdenken. Es sei doch offen­sichtlich gewesen, dass er sich nicht umgedreht habe, um nach Hause zu laufen. Sie habe doch sehen müssen, dass er mit ihr re­den wollte. Nein, das sei an seinem Umdrehen überhaupt nicht zu erken­nen gewesen. Wenn sie nicht immer fünf Meter hinter ihm herliefe wie eine Araberin, dann hätte er es gar nicht nötig ge­habt, sich umzudrehen. Nun aber wollte sie wissen, was er ihr denn so Dringendes mitzuteilen habe. Er hatte es vergessen. Daran sei sie schuld. Sie gingen wei­ter.

Nach wenigen Minuten blieb er abermals stehen und wandte sich zu ihr um. Wieder kehrte auch sie sofort um und lief in die entgegengesetzte Richtung. Sie solle sofort anhalten. Sie blieb stehen. Er aber wollte, dass sie augenblicklich zu ihm zurückkomme. Ganz nah! Ob er nun spazieren wolle oder nicht. Falls er sich nicht entscheiden könne, zöge sie es vor, nach Hause zu gehen. Sie habe schließlich noch Wäsche in der Maschine. Sie solle weder hinter ihm her- noch einfach davon­laufen. Er habe sich nun wieder erinnert, was er vorhin habe sa­gen wollen. Ob dies nicht Zeit habe, bis man zuhause sei. Nein! Es war ihm anzumerken, dass er gerne einen starken Fluch gebraucht hätte. Sie gab nach. Also gut, dann solle er endlich frisch von der Leber weg erzählen, was er auf dem Her­zen habe. Er zierte sich. Es sei jedes Mal dasselbe mit ihr. Sie werfe in ih­ren unbedachten Redensarten alle Organe durcheinander. Schließlich aber rückte er doch mit der Spra­che heraus. Er wäre glücklich, wenn sie sich ihm so hinge­bungsvoll widme wie ihren unzähligen Krankheiten und ihrer ewigen Hu­sterei. Er sei es leid, ständig von einem hustenden Etwas verfolgt zu werden.

In diesem Moment bekam sie einen Hustenanfall. Na bitte, er habe es ja gesagt. Das sei doch kein normales Ge­spräch. Ihr Anfall dauerte länger als gewohnt. Ein Polizist kam vorbei. Sie habe ja gerade vorgehabt, nach Hause zu gehen. Dann könne er seinen Spazier­gang ungestört fortsetzen und die nackten Mädchen auf der Wiese anschauen. Daran wolle sie ihn keines­falls hin­dern. All dies habe mit nackten Mäd­chen nicht das Ge­ringste zu tun. Es sei außerdem Herbst. Zu dieser Jahres­zeit trügen alle Mädchen im Park warme Klei­dung. Er habe dafür großes Verständnis, selbst wenn er, wie er gerne zu­gebe, die Schönheiten junger Mädchenblüte mit Wohl­gefallen be­trachte. Er sei ja schließlich ein Mann. Aber das scheine sie in ihrer chroni­schen Verschleimung schon lange nicht mehr zu be­merken. Es sei an der Zeit, dass sie ihre tägli­chen Besuche bei al­len Ärzten der Stadt einstelle und sich wieder mehr der Ehe widme. Es sei ja nicht so, dass ihr die körperlichen Mittel dazu fehlten. Beispielsweise könne sie genauso schnell laufen wie er. Er habe durch sorgfältige Be­ob­achtung herausgefunden, dass sie imstande sei, ihn unter gün­stigen Umständen sogar zu über­holen. Es hindere sie also nichts daran, wie eine normale Frau neben ihm zu ge­hen. Doch sie überlasse sich ganz hem­mungslos ihrer Krankheit, ihrem Selbstmitleid und ihrer negati­ven Weltsicht, mit der sie allen und hauptsächlich ihm das Leben vergälle.

Er hatte sie damit beleidigt. Sie wolle, er hätte all ihre Krankheiten, ihren Husten und ihre dünnen Nerven, dann würde er nicht mehr so dummklug daherreden. Es entstand eine dramatische Pause. Ein Paar mit einem Kinderwagen ging vorbei. Er blickte sie nur kopfschüttelnd an. Dann ging er weiter und grübelte. Sie blieb drei Meter hinter ihm.

Aus "Die Zeitflicker", Roman

Wie geil ist das denn?

Alle waren erstaunt. Die meisten hatten ein ziemlich dickes Fell, aber so etwas hatten sie noch nicht gesehen. Dieser schmächtige Hanswurst, der den ganzen Tag nur ein seltsames Grunzen herausgebracht hatte, stand breit grinsend, ja lachend, da und rief hocherfreut: „Wie geil ist das denn!“ Das Maschinengewehr in seiner Hand rauchte, das Magazin war leer. Er hatte die ganze Arbeit erledigt. Eine sehr, sehr dreckige Arbeit. Aber er hatte sie gerne und gründlich erledigt. Hinter ihm lag das Tagwerk blutend, schreiend, sterbend. Auf der Straße, in den Häusern, in Autos – es waren viele, Hunderte, wie sich später herausstellte. „Wie geil ist das denn!“

Es war etwas Neues, eine ganz neue Erfahrung für alle. Das Kommando hatte keinen Mann verloren. Wie auch? Außer ihm war ja keiner beteiligt. Fünfzig hartgesottene, schwer bewaffnete Legionäre, die nichts getan hatten, als die Straße abzuriegeln und fassungslos zuzuschauen. Hätte einer versucht rauszukommen, hätten sie ihn abgeknallt wie ein Kaninchen. Aber er hatte keinem auch nur den Hauch einer Chance gelassen. Er war viel zu begierig, jeden einzelnen höchstpersönlich fertig zu machen. Es war wie bei Obelix und den Römern, nur blutiger eben.

Später, beim Duschen, fragten sie ihn bewundernd, ob er so etwas schon einmal gemacht hätte. Aber er grinste nur. Wie vorher! Aus ihm war nichts herauszubekommen.Nur eines war klar: Es hatte ihm Spaß gemacht – so wie einem Vierjährigen das Karussell-Fahren Spaß macht. Noch eine Runde! Noch eine Runde! Und er sollte seine nächste Runde bekommen. Aber erst einmal musste er richtig aufwachen. Und sein Müsli essen. Und seine Schuhe angezogen bekommen. Und wieder zur Schule gehen. Was für ein Frust!

 

Deformation

Machen Sie mal Platz!

Hier kommt ein krankes Gedicht.

Sie sehen doch, dass bei dem

die ganze Poesie

im Arsch ist!                       

aus "Unreim - lyrische Miniaturen"

Tod eines Steppers am Tag der Arbeit         

Erster Mai. Mit letzter Kraft

hatte er sich aufgerafft

und sich in die Stadt geschleppt

und dort einen Blues gesteppt.

Alle haben applaudiert,

und dann ist er gleich krepiert.


Anm.: Die Illyrier erlernten das Steppen von den Hunnen. Die illyrische Stepp­kunst fand aber erst im 19. Jahrhundert ihren Höhe­punkt, als es einem einzigen illyrischen Steppregi­ment ge­lang, die ein­dringen­den Öster­reicher in einer glor­rei­chen Steppschlacht zu zer­tram­peln. Nach dem großen Steppersterben der fünfziger Jahre ist es still gewor­den um den illy­rischen Heeres­steppstiefel.

 

                                                            aus "Schöss - illyrische Volxpösie"


Werdet Klassiker!                                                                                      

Klassik ist um Klassen besser

als barockes Bettgenässer!

Auch romantisches Gespinne

ist bei Klassikern nicht drinne.

Diesen geht selbst Biedermeier

in der Regel auf die Eier.

Deshalb wäre anzuraten,

alles klassisch zu verbraten.

                                                        aus "Schöss - illyrische Volxpösie"


Der Wolpertinger und der Yeti                                                            

Wer den Yeti hoch droben auf den Gipfeln des Himalaya sucht, der wird ihn dort nimmer finden. Und auch den Wolpertinger sucht man in den Alpen vergebens. Denn als der Yeti durch einen tiroler Bergsteiger vom Wolpertinger erfuhr, erwachte in ihm der Forscherdrang. So packte er sein Köfferchen und machte sich auf den Weg in die Alpen. Der Wolpertinger war aber inzwischen im Himalaya angekommen, um den Yeti, von dem ihm eben jener tiroler Bergsteiger erzählt hatte, ausfindig zu machen. So stiftet der Tiroler Verwirrung in der Natur.  

aus "Blindgänger in Gottes Erlebnispark"


Sindbad oder Der Quälgeist  (Auszug)                                              

Schwester: Stuhlgang?

Sindbad: Nö?

Schwester: Nehmen Sie eins von den Zäpfchen hier!

Sindbad: Nö!

Schwester: Wann hatten Sie das letzte Mal Stuhlgang?

Sindbad: Kann mich nicht erinnern.

Schwester: Aber ich! Ich hab's aufgeschrieben. Ist schon fünf Wochen her! Und seit fünf Wochen weigern Sie sich, Zäpfchen zu nehmen. Mein Lieber, jetzt ist Schluss. Von mir aus können Sie platzen. Aber nicht in diesem Hause, verstanden?!

Hamburg: Autorenverlag Annemarie Maeger, 1996



Gedanken, die in der Sauna kommen                                           

Im tiefsten Grunde meiner Seele,

Hab ich eine trockne Kehle;

Ausgedorrt wie Brunnen, die

Ausgedorrt sind, oder wie


Eine alte Echsenhaut,

Staub, der sich in Poren staut,

Zungen, die wie Nägel sind,

Starr und schwarz wie Mumiengrund,


Ohne Saft und ohne Frische

(wird denn hier nicht aufgegossen?)

Fossiliert wie Urzeitfische


Mit den harten Knochenflossen,

Ausgelaugt und eingestellt

Auf die Trockenheit der Welt.

veröffentlicht in: Lesender Affe, 18/97

Illyrischer Vampirismus                                                                           

Merke: Mit Wellensittichen wissen Illyrier herzlich wenig anzufangen. Hingegen hat die Vampierzucht Tradition. Es scheint, als liege es den Illyriern irgendwie im Blut, gerade solche Hobbys zu pflegen, die andernorts eher Misstrauen erwecken. So ist neben dem Leichenfleddern (vor allem an Ostern) und dem spontanen Verspeisen von Vorgesetzten vor allem eben die Aufzucht und Pflege von Vampiren eine Leidenschaft, der sich Illyrier von früher Jugend an hingeben. In zahlreichen Vampirzuchtclubs Illyriens spielt sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens ab. Jeder will der Beste sein. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, die meisten oder größten Vampire zu besitzen, sondern sich seiner jeweiligen "Gruft" (illyrischer Fachausdruck für Zucht/Stall/Herde) möglichst souverän zu bedienen. Wer seine kleine Vampirzucht gut zu nutzen weiß, kann sicher sein, weder privat noch beruflich angepöbelt zu werden - jedenfalls nicht mehr als einmal. Doch die Entsaftung unliebsamer Verwandter und Bekannter ist nur eine der zahlreichen Vorzüge der illyrischen Vampirzüchterei. Vampire erfüllen im sozialen Leben Illyriens multiple Funktionen. Sie dienen als Partygag, als Dekorationsgegenstände, Statussymbole, homöopathisches Heilmittel (in Pulverform) und zur Dekolltéverfeinerung. In aristokratischen Kreisen wird das gesamte Hauspersonal nachts durch Vampire ersetzt. Das spart Kosten und ist chic. Der Höhepunkt für jeden Züchter ist jedoch die alljährliche Sylvester-Vampirflug-Schau. Wenn in anderen Ländern krampfhaft versucht wird, nächtliche Dunstglocken über Großstädten originell zu illuminieren, verschwinden in Illyrien sogar die Sterne hinter Abertausenden von Vampirflügeln. Obgleich es dabei freilich recht finster wird, kann es doch recht erhellend und spannend sein, diesem Ereignis beizuwohnen. In speziellen Neujahrswettbüros werden Wetten über die Anzahl der Schreie angenommen, die während der Veranstaltung zu hören sind und meist von unerfahrenen Jungzüchtern stammen. Die Bezeichnung "blutiger Anfänger" birgt im Illyrischen übrigens einen makabren Doppelsinn.                                        
                      veröffentlicht in: Der Rabe, 49/97

An der Kasse                                                                             

Als Wolf sich in die Schlange stellte, waren zehn Leute vor ihm, alle voll bepackt. Es ging schleppend langsam vorwärts. Ein stumpfsinniger Bulle rammte ihm dauernd von hinten seinen Einkaufswagen in die Nieren. Nach drei Stunden legte Wolf seine Einkäufe auf das Band. Stockend ratterte es vorwärts zu Frau Schnecke, der Kassiererin, die jegliche Ansehnlichkeit längst überwunden hatte. Bedächtig griff sie nach den einzelnen Waren, suchte lange nach jedem kleinen Preisschildchen, und wenn sie es dann doch gefunden hatte, tippte sie den Preis in die Kasse ein, Zahl für Zahl, wie denn auch sonst?! Wolf entwickelte währenddessen merkwürdige Phantasien von wilden Tieren, tödlichen Bissen und zerfleischten Körpern. Aber schließlich hatte Frau Schnecke alles eingetippt und die Kasse rechnete den Betrag zusammen. Es dauerte Minuten der Verzweiflung. Selbst die Kasse war auf die Geschwindigkeit von Frau Schnecke eingestellt. „Dreizehn Mark und neunundneunzig!“ Wolf gab ihr das Geld und packte seine Sachen in die Einkaufstasche. Frau Schnecke warf den Kassenbon irgendwo in die Gegend. Wolf schnappte ihn sich, kurz bevor er im Rollbandschlitz für immer verschwand. Hoppla, das Lammfleisch kostet doch dreißig Pfennig weniger! Frau Schnecke sah Wolf regungslos an, dann schaute sie längere Zeit auf den Kassenbon, dann nochmal auf Wolf, und schließlich sagte sie: „Einen Moment bitte!“, stand auf und setzte sich in Richtung des Kassenbüros in Bewegung. Sie hatte an sich viel zu schleppen, so daß es einige Zeit dauerte, bis sie das verglaste Büro erreichte. Wolf sah, wie sie mit dem Geschäftsführer sprach. Beide blickten aus der Ferne zu ihm herüber. Nach unbestimmter Zeit kam sie quer durch den Markt mit einem kleinen Zettel zurück, setzte sich wieder an ihre Kasse, suchte in kosmischer Entrückung einen Stift, notierte etwas auf dem Zettel und gab ihn Wolf: „Hier, Unterschrift!“ Wolf unterschrieb. Frau Schnecke nahm den Zettel an sich, legte ihn in die Kasse und zählte dreißig Pfennige ab. Die gab sie Wolf. „Da!“ Danach setzte sie das Rollband wieder in Bewegung. Wolf schob seinen Einkaufswagen nach draußen, in den Regen, zu den anderen Wagen. Der Pfandmünzenmechanismus klemmte. Von hinten stieß der Bulle in seine Nieren. Wolf brach zusammen. Er war im selben Augenblick verhungert.
veröffentlicht in: Am Erker, 44/02



Die Reise


Wer kann ahnen, ob die Ahnen etwas ahnten
von jenem unbekannten Land
das hinter'm Ozean der Zeit
vor uns verborgen liegt?

Sie bauten Tempel, schufen große Werke
aus Sehnsucht nach dem Licht, das jenseits leuchten soll.
Du hast sie alle aufgesucht, und aus den Quellen
ihres Wissens, ihres Glaubens hast du getrunken,

dich gelabt, gestärkt für deinen Weg.
Das Gute, Wahre, Schöne war dein Ideal.
Heilig war das Band der Liebe.
Das Pendel deines Lebens schlug in ihrem Takt.

Was ist das Leben denn als eine Reise
auf festem Grund zur Küste hin, zu jenem Meer?
Wie viele von uns finden nicht den Mut
und straucheln schon beim ersten Schritt!

Du nicht, du warst die Reisende von Anbeginn,
du warst voll Neugier, gingst voran,
du warst der mannschaftslose Kapitän,
die Glocke auf dem Turm der fernen Kirche, die uns ruft.

In unsren Herzen klingt das Echo deiner Seele nach.
Es gibt uns Halt und uns die Richtung vor,
weist uns den Weg zum Hafen -
wie eine Einladung zur Reise.

Wer kann schon ahnen, ob du etwas ahntest,
als dich dich die Wellen von uns rissen
wie Treibgut, das im Sand gelegen,
wehrlos dem Schicksal hingegeben.

Du wirst uns nicht mehr winken, nicht mehr trösten,
wirst uns kein Wort mehr sagen.
Das Pendel steht, die Glocke ist gebrochen, doch
bleibt uns die Liebe!